© Timo Sczuplinski
Union 60 Rugby-Frauen: Kim Grolmann, Anne Dobers, Jolanda van der Noll, Sandra Meyer, Eeske Discus, Lena Wischhoff, Ingrid Torres, Hanna Kollwitz, Hanna Radtke, Lys Sweet, Nina Corda, Niha Bogitini, Nadine Jensen, Trainer Geert Gessler.
Seit mittlerweile 18 Jahren wird in Bremen schon Frauen-Rugby gespielt. Schuld daran war damals das Fernsehen. Genauer gesagt der Sender „Eurosport“. Nina Corda hatte 1991 gerade ihren Umzug hinter sich. Kisten und Kartons noch nicht ganz ausgepackt, ging einer ihrer ersten Griffe gleich zur Fernbedienung. Denn für Corda war die neue Bleibe die erste, die mit Kabel-Fernsehen ausgestattet war. Beim begeisterten Umher-Zappen blieb sie auf „Eurosport“ hängen, wo die Rugby-Weltmeisterschaft übertragen wurde. „Zusammen mit einer Freundin habe ich die WM-Spiele geguckt und dabei haben wir gemerkt: Das wollen wir auch machen.“ Schnell entstand der Kontakt zu Bremen 1860, wo Rugby gespielt wurde. Und kurz danach entstand dort das erste Bremer Frauen-Rugby-Team.
„Es war die Initialzündung, wenn auch noch kein Flächenbrand. Aber wir haben gespielt“, sagt Corda. Am Ligabetrieb nahm man damals noch nicht teil. Mangels Masse gab es zunächst nur eine Klasse mit sechs Teams aus der gesamten Bundesrepublik, der Aufwand wäre viel zu groß gewesen. Erst um die Jahrtausendwende herum wurde der Zulauf größer. Heute gibt es vier Regionalligen, darüber die zweite und die erste Bundesliga.
Etwa zeitgleich mit dem Wechsel der gesamten Rugbyabteilung zu Union 60 im Jahr 2001 meldeten die Frauen für den Liga-Betrieb.„Seither sind wir eine feste Größe in der Regionalliga Nord“, sagt Corda. 2004/2005 wurden die Unionerinnen sogar schon einmal Meister. Mit dem befreundeten Club der Braunschweiger Welfinnen gingen sie jahrelang als Spielgemeinschaft auf Punktejagd, später entwickelte sich eine SG mit Freundinnen aus Geesthacht.
„Mit einem hohen Studentinnenanteil hatten und haben wir eine hohe Fluktuation“, sagt Corda, die zugleich als Frauenwartin des Bremer Rugby-Verbandes tätig ist. Viele Studentinnen tummeln sich auch im aktuellen Frauenteam, der Kader umfasst 15 Spielerinnen. Und wie bei den meisten Rugby-Teams geht es auch bei Union 60 international zu. Jolanda van der Noll kommt aus den Niederlanden, Niha Bogitini von den Fidschi-Inseln, Lys Sweet aus Großbritannien und Ingrid Torres aus Kolumbien. Komplett sind sie an Spieltagen aber nur in den seltensten Fällen gewesen. Einmal mussten sie sogar mit nur vier Akteurinnen losfahren. „Dann haben wir uns eben von den anderen Teams jemanden ausgeliehen“, sagt Spielerin Anne Dobers.
Kassierten die Union-Frauen dabei zu Beginn der Spielzeit noch haushohe Niederlagen, so sahen die Ergebnisse zum Ende hin schon besser aus. Am letzten Spieltag in Göttingen gelang mit zwei Siegen sogar noch der Sprung auf den vorletzten Tabellenplatz. Ein Erfolg. Zumal dieses Jahr das erste ist, „in dem wir offiziell als eigenständiges Bremer Team auflaufen“, sagt Corda.
Während Corda nun schon fast zwei Jahrzehnte in der Welt des Rugbysports heimisch ist, haben viele ihrer aktuellen Teamkolleginnen den Sport gerade erst für sich entdeckt. Kapitänin Kim Grolmann etwa wollte nach ihrem Umzug nach Bremen ursprünglich einem Tennisverein beitreten. „Ich habe nach einem Verein gesucht und bin dann im Internet zufällig auf Frauen-Rugby gestoßen“, sagt Grolmann, die nun kein Tennisröckchen trägt, sondern im Polo-Shirt mit dem Rugby-Ei über den Platz flitzt. Zimperlich geht es dabei nicht zu. Angst vor Körperkontakt hat hier aber niemand. Im Gegenteil: „Hier kann man auch mal jemanden weghauen“, schmunzelt Eeske Diskus.
Gelegentlich trainieren die Frauen mit einigen Union-Männern zusammen. Und nicht nur die Damen können sich dabei etwas abgucken. „Die Jungs lernen genauso von uns“, sagt Grolmann. Denn die Frauen spielten bisher stets 7er-Rugby, also mit nur sieben Spielerinnen pro Team statt 15 wie bei den Männern. Und das bei der gleichen Platzgröße, die ein komplettes Fußballfeld beträgt. Klar, dass es dort mehr Platz gibt. „Und den nutzen die Mädels fast schon besser aus als die Männer. Denn die wissen mit dem ungewohnt vielen Platz zumeist nichts anzufangen“, sagt Coach Geert Gessler.
Mit der „Beinfreiheit“ auf der Rugbywiese ist für die Union-Frauen aber ab der kommenden Saison Schluss, da sich der Spielmodus geändert hat. Acht Damen stehen dann pro Team auf dem Feld, das künftig nur noch halb so groß ist. Das Spiel wird also weniger laufintensiv, dafür wird es viel mehr Körperkontakt geben.
Wenn bei den Männern ein Spieler seinen ersten Versuch erfolgreich gelegt hat, muss dieser, so will es das Ritual, übrigens nach dem Spiel aus seinem Schuh trinken. Ein Brauch, den die Union-Frauen erst einmal abgeschafft haben. Ihr eigener Ritualkatalog ist indes noch im Aufbau. Um zu sehen, was sie sich für die neue Saison überlegt haben, muss man sich ab Ende September selbst mal auf den Weg zum Platz machen. Denn auf Eurosport wird das nicht zu sehen sein.